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Tag des studentischen Ehrenamtes 2023:
Anforderungen und Herausforderungen für ein zukunftsfähiges, diverses und demokratisches Studentisches Ehrenamt an deutschen Hochschulen

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Das Moderationsteam bestehend aus Gina Stapper und Felix Rank eröffnet zusammen mit Michel Böhm (VDSI-Vorstand) den Tag des Studentischen Ehrenamtes 2023 (Foto: VDSI)

Was zeichnet das studentische Ehrenamt in Deutschland aus? Wie steht es um Studierendenzentrierung an deutschen Hochschulen? Welche Hürden und Privilegien halten Studierende (noch) zurück, ihr ehrenamtliches Engagement voll auszuschöpfen?

 

Diese und viele weitere relevante Fragen wurden auf dem Tag des Studentischen Ehrenamts am 23. Juni 2023 in Berlin diskutiert. Der Verband Deutscher Studierendeninitiativen (VDSI) hat Gäste aus Politik, Hochschulen, Forschung und aus der Studierendenschaft eingeladen, um dem studentischen Ehrenamt Raum und Gehör zu schaffen. Zu den eingeladenen Gästen gehörten unter anderem der Vizepräsident der TU Berlin, Christian Schröder; Dr. Holger Backhaus-Maul, Vertreter des Hochschulnetzwerks Bildung durch Verantwortung; Alexa Mehanna vom Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale des KIT Karlsruhe; Anja Gehl und Tina Spalding von der CAU Kiel; Jonathan Franz vom Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften; Lea Bachus, Vertreterin der Digital Change Maker (DCM).

Neben Podiumsdiskussionen und Interviews standen vor allem die Interessen der studentischen Initiativen und ehrenamtlich Engagierten im Fokus: Selbstbewusst, motiviert und vielfältig zeigten sich die Vertretenden der diversen Mitgliedsinitiativen des VDSI bei der Eröffnung der Veranstaltung. In kurzen Elevator-Pitches überzeugten sie das Publikum von der Relevanz und den Themenfeldern ihrer Organisationen. Die Vielfältigkeit der Interessen von 100.000 im VDSI vertretenden Studierenden setzte den Rahmen für den weiteren Tag.

Die studentischen Positionen und Forderungen waren darüber hinaus bereits im Vorfeld mit zwei Papieren veröffentlicht worden: einerseits mit dem Positionspapier der DCM zu „Rethink Studierendenzentrierung“ sowie der Absichtserklärung des VDSI zur Förderung und Anerkennung studentischen Ehrenamts im Fokus. Mit der Vernetzung und dem Austausch zwischen den Mitgliedsinitiativen des VDSI aber insbesondere mit den Gästen aus Hochschulen, Forschung und Verbänden wurde eine wichtige Brücke geschlagen, um die Relevanz des vielfältigen Engagements junger Menschen in den gesellschaftlichen Diskurs zu tragen.

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Die im VDSI vertretenen Studierendeninitiativen setzten den Rahmen der Veranstaltung, zu Beginn stellte sich jede Initiative in einem kurzen Elevator Pitch vor. (Foto: VDSI)

Podiumsdiskussion I: Ehrenamt muss man sich leisten können

Unter der Moderation von Gina Stapper diskutieren im ersten Podium des Tages Lea Bachus, Anja Gehl, Jonathan Franz sowie Corinna Knaus, Vorständin im VDSI, wie es um das studentische Ehrenamt in Deutschland aktuell bestanden ist. Der Realitätscheck zeigt einige positive Trends aber auch kritische Entwicklungen. So werde seit Corona die Studierendenlandschaft wieder immer bunter. Corinna Knaus begrüßt, dass es immer mehr Vielfalt gebe und somit auch für alle Studierende die Möglichkeit, sich in der für sie passenden Initiative zu engagieren.

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Die Teilnehmer:innen der ersten Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Lea Bachus, Anja Gehl, Jonathan Franz sowie Corinna Knaus, mit Moderatorin Gina Stapper (Foto: VDSI)

Gleichzeitig weisen Anja Gehl und Jonathan Franz darauf hin, dass viele Studierende erst noch fürs Ehrenamt gewonnen werden müssen und häufig zunächst der Initialschuss bewirkt werden muss. Jonathan Franz ergänzt zudem, dass das Erreichen von persönlichen Erfolgsmomenten im Ehrenamt der eigenen Ermächtigung und Selbstbefähigung einen wichtigen Schlüssel dabei spielen. Kritisch äußert sich Lea Bachus zu den möglichen Gründen für Mangel an studentischen Ehrenämtler*innen. So dürfe nicht vergessen werden, dass es auch in Deutschland ein Privileg ist, sich engagieren zu können. Care-Arbeit, Inflation und notwendige Nebenjobs zur Finanzierung des Studiums sind Hürden, die einen Teil der Studierendenschaft den Zugang zum Ehrenamt erschweren bzw. dies unmöglich machen.

Unter den Podiumsteilnehmenden konnten bereits positive Beispiele für die Anerkennung von Ehrenamt geteilt werden. Die Expertise der DCM ist auf Konferenzen gefragt und dafür können sich die Studierende auch finanziell vergüten lassen. An der CAU Kiel gibt es am Zentrum für Studium und Forschung (ZSF) den Versuch, studentisches Ehrenamt mit ECTS-Punkten zu verbinden. In den Rechtswissenschaften, erklärt Jonathan Franz, dass die Fachschaftsarbeit als institutionalisierte Form der Gremienarbeit anrechenbar sei und somit Gremienjahre anerkannt werden könnten. Dies ermöglicht, die Gutschreibung von Semestern und die Möglichkeit eines Freiversuches. Währenddessen setzt sich der VDSI an verschiedenen Stellen für mehr Anerkennung ein. Beispielhaft hierfür ist das Zertifikat „Engagierte Hochschule“, dass bisher an die Hochschulen in Karlsruhe und Witten/Herdecke verliehen wurde für ihre besonders guten Bedingungen für die Studierendenschaften.

In einem Punkt waren sich die versammelten Gäste schnell einig: Studentisches Ehrenamt ist vielfältig, stärkt unsere Demokratie und benötigt mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Mittel hierfür seien vorhanden und bekannt, sie müssten nur eingesetzt werden fordert Lea Bachus. Neben der Bereitstellung von infrastrukturellen und finanziellen Ressourcen, braucht es in den Hochschulen mehr gleichberechtigte Repräsentation von Studierenden in Gremien und die Einbindung von Ehrenamt in den Fachprüfungsordnungen und Curricula der Studiengänge. Auch der Ruf nach einer BAföG-Reform wird im Podium kurz laut. Grundsätzlich sei ein zentrales Problem allerdings die fehlende Akzeptanz von studentischem Ehrenamt als bedeutende Säule von Hochschulen aber auch unserer Gesellschaft. Es darf nicht nur als „add-on“ im Lebenslauf gesehen werden.

Praxisbeispiel CAU Kiel: Anerkennung von studentischem Ehrenamt durch ECTS-Leistungspunkte

Das Thema Anerkennung studentischen Ehrenamts stand im nächsten Agendapunkt im Fokus. Möglichkeiten für Anerkennung gibt es verschiedene. Ein erfolgreiches Praxisbeispiel hierfür wurde im Gespräch zwischen Christina Spalding der CAU Kiel mit Vincent Enders vom JuForum beleuchtet. Christina Spalding ist Initiatiorin des Projektes studentische Bildungsinitiativen an der CAU Kiel. Projektgruppen bestehend aus mindestens zwei Studierenden können 5-8 ECTS Punkte für die Umsetzung eines Projektes erhalten. Integraler Bestandteil hierfür ist die Reflexion über das Projekt und die persönlichen Erfahrungen und neugewonnen Fähigkeiten.

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Christina Spalding im Gespräch mit Vincent Enders (Foto: VDSI)

Die bisher durchgeführten Aktivitäten reichen von der Durchführung einer digitalen Vorlesungsreihe zum Thema „rethinking economics“ zur Bereitstellung von Menstruationsprodukten an der Hochschule oder der Organisation eines philosophischen Festivals. Ziel ist der Erwerb von Schlüsselqualifikationen durch die praktische Umsetzung der Projekte. Schwierigkeiten ergeben sich an der CAU Kiel dadurch, dass nicht alle Fakultäten diese Zusatzleistungen in der Fachergänzung anerkennen und bislang zu wenige Studierende das Angebot wahrnehmen. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wird deutlich, dass die Bereitstellung von Leistungspunkten (ECTS) ein leicht umsetzbarer Ansatz ist und die Flexibilität sowie freie Zeiteinteilung wichtig sind, damit das Studium weiterhin an oberster Stelle gesetzt werden kann.

Studentische Forderungen: Freiräume schaffen und Partnerschaften auf Augenhöhe etablieren

Die Vorstellung einer Absichtserklärung und eines Positionspapieres zum Thema Anerkennung Studentisches Ehrenamtes gilt als Herzstück der Arbeit von Verbänden. Diese werden im Anschluss in die Politik getragen, um der Diskussion neuen Wind zu geben. Aus Perspektive der jungen Engagierten genügt die aktuelle Praxis von Studierendenzentrierung an den Hochschulen nicht. So werde in der Regel lediglich Studierendenbefragungen zu Inhalten und Organisation von Seminaren am Ende eines Semesters durchgeführt. So werde zwar über Studierende gesprochen, aber sie sind in diesen Gesprächen nicht repräsentiert. Lea Bachus fasst Problem und Lösung zusammen: “Nicht an sondern mit Studierenden denken, nicht über sondern mit Studierenden sprechen, nicht für sondern mit Studierenden gestalten!”

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Lea Bachus und Michel Böhm stellen die studentischen Anliegen vor. (Foto: VDSI)

Die Studierendenschaft per se ist sehr heterogen und bei Studierendenzentrierung gehe es um den individuellen Gestaltungsprozess. Es handle sich dabei um einen sozialen Prozess auf Augenhöhe, doch dafür müsse es zunächst Freiräume des Ausprobierens geben. Es wird beklagt, dass die Lebensrealitäten der Studierende nicht von den Personen in Entscheidungspositionen verstanden werden können, da sich diese mit der Bologna-Reform völlig geändert habe, die Verantwortlichen in den Hochschulen aber nie mit Bologna studiert haben. Im Gespräch zwischen Lea Bachus und Michel Böhm (Vorstand im VDSI) werden zwei Ebenen an Hürden deutlich, die Studierendenzentrierung und Anerkennung von studentischem Ehrenamt erschweren. Die eine sei persönlich: So gebe es zeitliche und finanzielle Herausforderungen, die für Studierende mit ehrenamtlichem Engagement einhergehen. Daher sei Anerkennung und Vergütung an den Hochschulen umso wichtiger. Die zweite Ebene sei die der Initiativen: Diese sind darauf angewiesen, dass ihnen die Hochschulen so wenig Steine wie möglich in den Weg legen. Stattdessen können sie eine einfache Implementierung ermöglichen durch administrative, technische und finanzielle Unterstützung. Zum Schluss reflektierten beide über die Utopie von studentischem Engagement in Deutschland. Dabei zeichnen beide ein Bild davon, dass studentisches Ehrenamt präsenter und vernetzter ist und dass man von den Hochschulen als relevanter, gewinnbringender Partner wahrgenommen werde.

In der anschließenden leidenschaftlichen Diskussion mit dem Publikum ging es um die Auswirkungen finanzieller Vergütung. Bleibt Ehrenamt noch Ehrenamt, wenn es vergütet werde? Definitiv! Um Ehrenamt zu ermöglichen, müsse die Basis dafür geschaffen werden. Zudem zeige die Realität, dass sich bislang eher Personen engagieren, die finanziell abgesichert seien. Außerdem würde es alles andere als zur Entwertung des Ehrenamts beitragen. Viel eher sei es als Aufwandsentschädigung zu verstehen, die gängige Praxis bei Ehrenämtern in anderen Bereichen sei. Eine solche Entschädigung mache Ehrenamt gerechter, inklusiver und ermögliche die Durchlässigkeit der Gesellschaft. Bislang engagieren sich häufig bereits privilegierte Personen, die später im Beruf auf ihr Netzwerk zurückgreifen können und eher in Führungspositionen zu finden seien. Somit sei ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit zwingend notwendig, um allen Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, Karrierenetzwerke auszubilden.

 

Podiumsdiskussion II: Studierendenzentrierung benötigt nicht nur Geld, sondern vor allem Willen

In der zweiten Podiumsdiskussion des Tages wurde der Bogen erneut zum Thema Studierendenzentrierung geschlagen und ein Blick in die Zukunft geworfen, wie konkrete Maßnahmen zur langfristigen Förderung von studentischem Ehrenamt aussehen. Unter der Moderation von Felix Rank waren auf dem Panel folgende Teilnehmer:innen vertreten: Christian Schröder, Dr. Holger Backhaus-Maul, Alexa Mehanna und Lukas Mertens, Vorstandsmitglied des juFORUM.

Lukas Mertens berichtet aus seiner eigenen Erfahrung, dass an den Hochschulen Studierendenzentrierung keine allzu große Aufmerksamkeit erfahre. Dabei sei es wichtig Lösungen zu finden, die für alle Seiten funktioniere. Auf der anderen Seite zeigt sich am Beispiel der KIT Karlsruhe, dass Studierendenzentrierung gelebt und gefördert werden kann – wenn der Wille da ist. Auch an der TU Berlin berichtet Vizepräsident Christian Schröder von Fortschritten. Dort seien Studierende in den Gremien der Hochschule stark vertreten. Es sei wichtig, Zeit und Raum zu schaffen – dies koste zwar Ressourcen, aber der Mehrwert sei umso größer.

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Die Teilnehmer:innen des zweiten Podiums (v.l.n.r.): Lukas Mertens, Alexa Mehanna, Christian Schröder, Holger Backhaus-Maul (Foto: VDSI)

Im HBdV malen Forschungsergebnisse ein erschreckendes Bild darüber, wie an Hochschulen mit den Interessen von Studierenden umgegangen werde. Dr. Backhaus-Maul schließt sich daher der Forderung nach Demokratisierung des Ehrenamts an.

In den grundlegenden Punkten der Diskussion sind sich die Gäste einig. Wie nun die Forderungen nach Anerkennung und Demokratisierung umgesetzt werden könne, sei auf verschiedenen Wegen möglich. An vielen Hochschulen gebe es bereits die Option sich Angebote im Nebenfach oder Studium Universale bzw. in der Fachergänzung mit ECTS anerkennen zu lassen. Zudem könne man sich Ehrenamt auch in Praktika-Modulen anrechnen lassen. Um all dies zu ermöglichen, müsse es jedoch in Studien- und Prüfungsordnungen niedergeschrieben und entsprechend spezifiziert sein. Hierfür muss der Austausch mit den Gremien der Hochschulen stattfinden, die für solche Ordnungen verantwortlich sind. Christian Schröder reflektiert darüber, dass die Aufgabe der Hochschule sei den formalen Rahmen zu schaffen damit Studierende toll studieren könnten. Dazu ergänzt Moderator Felix Rank, dass alle sich die Frage stellen müssen, was jeder von uns für sich im Sinne der geteilten Verantwortung leisten kann, um in den nächsten Jahren studentisches Engagement auf ein höheres Level zu bringen. Hierzu ergänzt Christina Spalding die Daueraufgabe, jedes Jahr neue Studierende abzuholen und zu begeistern. Die Hürden für Engagement müssen abgebaut werden. Dafür brauche es nicht immer viel Geld, sondern viel mehr den Willen dazu. Dr. Backhaus-Maul appelliert an die Studierenden ihre Forderungen und Erwartungen deutlich den Hochschulen und ihren Leitungen zu formulieren. Von Seiten der Studierenden kommt auf der anderen Seite der Wunsch hoch, dass Hochschulen sich mehr über ihre Positivbeispiele austauschen und es zur Standardisierung der Anerkennung kommen muss. Die vorgestellten, positiven Beispiele für Zusammenarbeit von Studierenden und Hochschulen bzw. der Anerkennung studentischen Ehrenamtes müssen mehr und mehr Anwendung finden.

 

Fazit: Durchlässigkeit von Ehrenamt fördert Demokratisierung von Hochschulen und Gesellschaft

Zusammenfassend hat sich beim Tag des studentischen Ehrenamtes eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig studentisches Ehrenamt an deutschen Hochschulen ist und dass es ein bedeutender Bestandteil nicht nur der studentischen Lebenswelt ist, sondern auch der Gesellschaft. Gemeinsam kann vieles bewegt werden. Dafür müssen aber Hürden und vor allem Privilegien abgebaut werden, die immer noch mit studentischem Ehrenamt einhergehen. Für ein inklusives und nachhaltiges Miteinander bedarf es Anerkennung in unterschiedlicher Form: sowohl administrativ, technisch, aber auch finanziell. Studentische Initiativen müssen als Partner auf Augenhöhe akzeptiert und verstanden werden.

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Die Kaffeepause und der Empfang zum Schluss boten Gelegenheit zum regen Austausch unter den Teilnehmer:innen (Foto: VDSI)

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Die Kaffeepause und der Empfang zum Schluss boten Gelegenheit zum regen Austausch unter den Teilnehmer:innen (Foto: VDSI)

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Vielen Dank an die Techniker Krankenkasse für die Unterstützung und eure Teilnahme! (Foto: VDSI)

Pressemeldung zum TdSE zum Download

Die studentischen Positionen und Forderungen können hier nachgelesen werden:  

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